Die Einschläge kommen näher. Als im Sommer 2005 der Hurrikan Katrina über den Golf von Mexiko hinwegfegte und enorme Zerstörungen hinterließ, kristallisierten sich schlagartig zwei Dinge heraus: Der lang prophezeite Klimawandel wird Wirklichkeit. Und er trifft zuerst die Armen. Im letzten Jahrhundert hat sich die Erdatmosphäre um durchschnittlich 0,7°C erwärmt. Je nach Szenario wird sie sich bis zum Jahr 2100 um bis zu 5,4°C weiter aufheizen. Zurückzuführen ist dies vor allem auf die Verbrennung fossiler Energieträger und die damit verbundene Freisetzung von Kohlendioxid. Was hat das alles mit der globalisierungskritischen Bewegung und der Mobilisierung auf den G8-Gipfel zu tun?
Der Klimawandel ist eine Gerechtigkeitsfrage
Es geht beim Klimawandel und dem damit verbundenen Problem der Energieversorgung nicht nur um Umweltpolitik. Er stellt in mehrfacher Hinsicht eine Frage der (globalen) Gerechtigkeit dar.
Erstens sind die Verursacher des Kohlendioxidausstoßes im Wesentlichen die Industrien des Nordens; allein die G8 haben einen Anteil von etwa 50 Prozent an den globalen Emissionen. Gleichzeitig treffen die ersten Auswirkungen der Erwärmung die armen Bevölkerungen des Südens. Dies liegt zum einen daran, dass diese zum großen Teil von ihrer direkten natürlichen Umwelt abhängig sind. So leben in Afrika 70 Prozent der Menschen von der Landwirtschaft. Zum anderen besitzen sie nicht die finanziellen und technischen Möglichkeiten, sich gegen Wetterextreme und steigende Meeresspiegel zu wappnen. Im Moment geht man davon aus, dass bis zum Jahr 2050 ein Temperaturanstieg um 2°C kaum noch zu vermeiden sein wird. Dies würde Forschungen zufolge dazu führen, dass 25 Millionen Menschen von Überflutungen, 180-250 Millionen von Malaria und 200-300 Millionen von Wasserknappheit bedroht sein werden. (1)
Zweitens stellt der Klimawandel ein massives Hindernis für eine nachhaltige Entwicklung für die Länder des Südens dar. Wie auch immer man Entwicklung begreift: Es liegt nahe, dass im Zuge einer Wohlstandssteigerung im Süden der Ausstoß von Treibhausgasen zunehmen wird. Unter den Bedingungen des Klimaproblems erscheint dies alles andere als wünschenswert. Zu den bekannten Entwicklungshindernissen kommt also noch die Aufgabe hinzu, klimafreundliche Wirtschaftsweisen zu entwickeln.
Drittens haben wir es auf der Seite der Energieversorgung mit einer zunehmenden Knappheit zu tun. Obwohl die Schätzungen schwanken, wann der Zenit der Ölförderung erreicht sein wird, ist realistischerweise mit einem Maximum zwischen 2008 und 2012 zu rechnen.(2) Sobald dieser maximale Förderpunkt erreicht ist, wird es unweigerlich zu drastischen Preissteigerungen kommen. Die Ölkrisen der Vergangenheit haben gezeigt, mit welchen Auswirkungen für die Weltwirtschaft zu rechnen sind. Die Energieversorgung wird verstärkt zu sozialen Auseinandersetzungen auch in den Staaten des Nordens führen. Wenn der Liter Benzin drei Euro kostet, wird Mobilität zur sozialen Frage. Dazu kommt: Der Löwenanteil der Ölvorräte befindet sich in den Ländern des Südens, maßgeblich in den Staaten um den Persischen Golf und das Kaspische Meer. Aus diesem Blickwinkel erscheint es kaum zufällig, dass diese Regionen in den letzten Jahren zum Ziel militärischer Interventionen geworden sind.
Klimawandel und neoliberale Globalisierung sind eng miteinander verwoben
Unsere Energieversorgung ist aufgrund der besonderen Eigenschaften fossiler Energiequellen verschlungen mit mächtigen Konzernstrukturen: Sie beruhen auf langen Ressourcenketten, für die hohe Investitionen in Großanlagen notwendig sind. Dies hat historisch zur Herausbildung finanzkräftiger Ölkonzerne geführt, die eng mit anderen Branchen wie der Strom-, Chemie- oder Autowirtschaft zusammenhängen. Dieser industrielle Komplex ist zum großen Teil verantwortlich für den Klimawandel: Allein auf den Ölmulti ExxonMobil entfielen fünf Prozent der Kohlendioxidemissionen im Jahr 2002.(3) Für diese Konzerne ist das Geschäft mit der fossilen Energie extrem profitabel. Ein wirtschaftlicher Anreiz zum Strukturwandel besteht also kaum.
Die in der Globalisierung dominierenden Institutionen der Weltwirtschaft arbeiten einer nachhaltigen Energiepolitik entgegen. Beispiel Weltbank: Mit Vorliebe finanziert diese sogenannte Entwicklungsbank Projekte zur Förderung fossiler Brennstoffe. Obwohl Anfang 2004 ein von der Weltbank in Auftrag gegebener Bericht feststellte, dass der Nutzen solcher Projekte für die jeweiligen Länder überaus fragwürdig sei, hält die Weltbank an ihrer Finanzierungspolitik fest. Noch immer geht zwanzigmal mehr Geld in die Förderung fossiler Rohstoffe als in den Aufbau erneuerbarer Energiequellen.(4)
Die G8 sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems
Beispiel Welthandelsorganisation (WTO): Die auf eine Liberalisierung des Welthandels zielenden Verhandlungen sind hochgradig klimarelevant. Zwischen 1950 und 2002 ist die Menge weltweit gehandelter Waren dreimal so stark gewachsen wie die Menge der produzierten Waren und Dienstleistungen. Damit einher gingen ein immens gestiegenes Verkehrsaufkommen und rapide zunehmende Kohlendioxidemissionen. Es mag strittig sein, ob ein liberalisierter Handel den beteiligten Ländern hilft. Eins ist jedoch klar: Das Klima verliert.
Dass „substanzielle Emissionsreduzierungen“ notwendig sind, ist den Staatsund Regierungschefs bereits seit der Klimarahmenkonvention von 1992 bekannt, die auch die G8 ratifiziert haben. In den internationalen Verhandlungen im Rahmen des Kyoto-Protokolls zeigen sich die G8 aber unfähig, der globalen Erwärmung entgegen zu steuern. Insgesamt konnten sich die Industrieländer auf eine Reduzierung ihrer CO2-Emissionen bis zum Jahr 2012 (Basisjahr: 1990) um etwa fünf Prozent einigen – eine Zahl, die sich angesichts des wirklich Notwendigen lächerlich klein ausnimmt: Um ein nachhaltiges und global gerechtes Niveau zu erreichen, müssten die Industrieländer ihren Kohlendioxidausstoß bis 2050 um 80 Prozent senken. Während sich die USA am Kyoto-Prozess gar nicht beteiligen, sieht es bei der Umsetzung in den Kyoto-Staaten auch nicht rosig aus: In der EU lagen die CO2-Emissionen 2003 nur 1,7 Prozent unter dem Stand von 1990.
Um es auf den Punkt zu bringen: Was wir eigentlich bräuchten, wäre ein massiver Ausbau erneuerbarer Energien, ein Programm zur Energieeinsparung und ein gerechtes Modell, wie die aufstrebenden Ökonomien des Südens den fossilen Entwicklungspfad überspringen können. Was wir stattdessen bekommen, sind eine angedrohte Renaissance der Atomenergie und eine Debatte über Energiesicherheit, die sich hauptsächlich um die Sicherung fossiler Rohstoffe dreht. Wenn in den nächsten Jahren die ersten Inselstaaten dem steigenden Meeresspiegel zum Opfer fallen, kann man mit Recht behaupten, dass die G8 die Verantwortung dafür tragen. Lasst uns stattdessen lieber die G8 versenken.
1) Parry, Martin et. al.: Millions at Risk. Defining Critical Climate Change Threats and Targets. In: Global Environmental Change 11, 2001.
2) Wuppertal Institut (Hg.): Fair Future. Begrenzte Ressourcen und globale Gerechtigkeit. München 2005, S. 95.
3) http://www.foei.org/publications/pdfs/exxons_climate_footprint.pdf [1]
4) http://www.bicusa.org/bicusa/issues/energy_and_extractive_industries/i_d... [2]
Verweise:
[1] http://www.foei.org/publications/pdfs/exxons_climate_footprint.pdf
[2] http://www.bicusa.org/bicusa/issues/energy_and_extractive_industries/i_dex.php