G8Xtra Nr. 3: Charme und Weltoffenheit

Editorial

„Zu Wasser, in der Luft ... oder am liebsten immer Russland“ soll ein hochrangiger Regierungsvertreter am Rande des letzten Gipfels in St. Petersburg einem Journalisten auf die Frage nach der besten G8-Location geantwortet haben. Denn bei Putin lief es wie geschmiert. Keine Kostendebatte, keine Demonstrationsfreiheit, kaum GipfelgegnerInnen, viel Einschüchterung und nicht wenige Festnahmen. Das war’s. Aber nicht im nächsten Jahr. Das verdeutlichte die zweite Aktionskonferenz in Rostock, auf der sich über 400 TeilnehmerInnen auf einen umfassenden Protestfahrplan vor und während der Gipfeltage 2007 verständigten. Damit befassen sich auch die Polizeiapparate: Heiligendamm wird in eine Hochsicherheitszone verwandelt. 13 km Stahlzaun landwärts, dazu schwere Sicherheitsnetze im Meer; geschätzte Gesamtkosten, inkl. 15.000 PolizistInnen: 100 Mio. Euro. Viel Geld in Zeiten einer „Unterschichten“-Debatte, Mehrwertsteuererhöhung und Studiengebühren. Das weiß auch BKA-Chef Jörg Ziercke. Deshalb drohte er auf einer Sonderpressekonferenz, gut getimed zum Gipfelkostenstreit, nicht allein mit der Anreise einer „gewalttätigen“ Protestbewegung, sondern auch möglicher „islamistischer Terroristen“, sozusagen den Schlangen im imperialen Paradies. BKA und Bundespolizei wollen mal wieder die Bewegungsfreiheit einschränken: No-Go-Zonen vor dem Zaun, vorbeugende Festnahmen an Grenzen und Wohnorten, (Ein-)Reiseverbote. Schneidig sekundierte der Rostocker Polizeiführer Knut Abramowski: das Demonstrationsrecht sei der „Sicherheit der Staatsgäste“ nachgeordnet, „Blockaden“ seien „Terrorismus“ und würden „konsequent abgeräumt“.
Trotz diesem wenig Heiterkeit versprühenden Szenario setzt die Gastgeberin weiterhin auf einen Gipfel mit „Charme und Weltoffenheit“ (Merkel). Die Bundesregierung will zudem das „soziale Gesicht der Globalisierung“ präsentieren, nicht zuletzt um den globalen Kapitalismus im öffentlichen Diskurs endlich mal wieder von seinem Negativimage zu befreien. Auch die lokale Wirtschaft träumt von der großen, weiten Welt: Die Strandstraßencafés sollen in Gipfeltagen bis 22 Uhr öffnen und besonders kühne Visionäre der Arbeitsagentur Rostock möchten Hartz-IV-EmpfängerInnen mit Englisch- und Benimmkursen für Ein-Euro-Dienste am globalen Kunden schulen. Einzig das Doberaner Krankenhaus zeigte sich bislang mitfühlend für die kommenden Nöte des Massenprotestes. Natürlich werde das Krankenhaus personell aufgestockt, so ein Sprecher, man gehe aber weniger davon aus, dass viele Verletzte nach gewalttätigen Auseinandersetzungen in die Klinik kämen, sondern solche mit Magen-Darm-Erkrankungen auf Grund überfüllter Zeltplätze und Camps. Charmant klingt das alles nicht. Aber die schönsten Partys sind bekanntermaßen immer noch die, bei denen wir ungebeten das Buffet abräumen.

Die Redaktion


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