G8Xtra Nr. 4: Wir sind gekommen, um zu bleiben
Wenn die Juni-Tage in und um Heiligendamm die hohen Erwartungen erfüllen sollen, darf es nicht bei zahmen Protesten oder artig vorgetragenen Alternativvorschlägen zur zerstörerischen Politik der G8 bleiben. Den G8 ihre Legitimität zu bestreiten, ist nicht allein eine Sache der Argumentation, sondern eben so der Aktion. Wie aber soll die praktische Delegitimierung des Gipfels aussehen? Die Kam pa gne Block G8 weiß Antwort: massenhafte Blockaden der Zufahrten nach Heiligendamm.
Hinter dem Konzept der Massenblockaden steht ein Bündnis, das ganz unterschiedliche Protest- und Widerstandstraditionen vereinigt: Es reicht von kirchlichen Gruppen über Organisationen und Personen aus der Umweltbewegung, attac bis hin zur radikalen Linken. Und es vereinigt vielfältige Blockadeerfahrungen: von den Castor-Transporten ins Wendland, von den erfolgreichen Blockaden von Nazi-Aufmärschen in Berlin, Kiel oder Leipzig, aus der resist-Kampagne gegen den Irakkrieg und den Protesten gegen andere G8-Gipfel.
Zwangs läufig rief dieses Bündnis und sein Aktionsvorschlag auch Zweifel her vor. Immer wie der wurden die Erfahrungen aus dem Wendland von 1997 beschworen. Damals schien der Graben zwischen einem gewaltfreien Blockadekonzept, wie es X-tausend mal quer vertritt, und den Aktions- und Blockadevorstellungen des linksradikal-autonomen Spektrums unüberwindlich zu sein. Und so war für die einen so fort klar, dass es sich bei Block G8 nur um eine gewaltfreie Sitzblockade handeln könne, bei der alle Teilnehmenden zur weitgehenden Passivität verdammt seien. Für andere war eben so klar, dass es mit Gruppen aus einer eher militanten Aktionstradition keine verbindlichen Absprachen geben könne, dass sich auch weniger konfrontationsbereite Menschen von dem Konzept eingeladen fühlen würden.
Block G8 inhaltlich: Praktische Delegitimierung
Dieser von außen an die Kampagne Block G8 herangetragene Konflikt spiegelte sich natürlich auch in den internen Debatten. Es gelang aber, Verständnis für die Sichtweisen der jeweils anderen zu entwickeln und das Vertrauen aufzubauen, das für eine erfolgreiche Durchführung der Blockaden unerlässlich sein wird. Dabei konnte darauf aufgebaut werden, dass bei lokalen Aktionen der ideologische Streit zwischen schwarz und bunt oder zwischen „Sitzern“ und „Stehern“ immer häufiger keine Rolle mehr spielt und ermutigende gemeinsame (Blockade-)Erfahrungen vorliegen. Da her ging es vor allem darum, auf bundesweiter Ebene und bei einer politischen Großmobilisierung das nachzuvollziehen, was sich an der Bewegungsbasis ohnehin bereits entwickelt hat.
Die G8-Gipfel sind hoch symbolische Veranstaltungen. Natürlich werden dort auch weitreichende Verabredungen getroffen und die mal übereinstimmenden, mal widerstrebenden Interessen zwischen den führenden kapitalistischen Staaten ausbalanciert. Aber es geht mindestens eben so um die Verbreitung ideologischer Botschaften von der angeblichen Alternativlosigkeit des globalisierten Kapitalismus und seiner hässlichen Begleiterscheinungen. Dabei werden Macht und Kontrolle umso mehr zur Schau gestellt, als auch den Mächtigen die Kontrolle immer mehr entgleitet, wo für der globale Klimawandel und der permanente Kriegs- und Ausnah mezustand zwei völlig unterschiedliche, aber gleichermaßen treffende Beispiele sind.
Block G8 taktisch: Massenblockaden als erfolgversprechendes Aktionskonzept
Unser Ziel muss es sein, diese Inszenierung, die letztlich auf die Herstellung von Legitimität von Herrschaft abzielt, zu unterlaufen, zu stören und in ihr Gegenteil zu verkehren. Die Welt wird nicht in einer Woche an der mecklenburgischen Ostseeküste geändert. Aber von dort kann ein Si gnal aus ge hen: dass eine ganz an de re Welt möglich ist, eine Welt der Globalisierung von unten, der Solidarität und der Ermutigung zum Widerstand. Hier für braucht es ein unmiss verständliches „Nein“ gegenüber den G8. Praktischer Ausdruck der Delegitimierung können und werden massenhafte Blockaden des G8-Gipfels 2007 sein.
Auch wenn einige davon träumen: Es gibt heute keine Bewegungsbasis für ein militantes Konzept des „Sturms auf die Rote Zone“. Die Exzesse staatlicher Gewalt in Göteborg und Genua haben hier eine Grenze markiert, und die Bewegung hat gut daran getan, nicht in eine quasi militärische Eskalation einzusteigen. Vor diesem Hintergrund sind massenhafte Blockaden, die nicht eskalierend aber gleichwohl konsequent angelegt sind und die von einem breiten, spektrenübergreifenden Bündnis getragen werden, ein attraktives und mobilisierungsfähi ges Konzept.
Block G8 strategisch: Kommunikation und Radikalisierung
Masse und gesellschaftliche Breite sind – neben unserer Entschlossenheit – die wichtigsten Mittel, die wir gegen die Überlegenheit der hochgerüsteten Polizeitruppen einsetzen können. Die Unkalkulierbarkeit, die es er möglichen wird, Heiligendamm dichtzumachen, entsteht vor allem aus der gro ßen Zahl der Teilnehmenden. Auch deshalb ist es so wichtig, das Blockadekonzept nicht an den Bedürfnissen der vermeintlich Radikalsten und Entschlossensten auszurichten, sondern so, dass tatsächlich viele Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen sich zum Mitmachen ermutigt fühlen. So werden auch der hemmungslose Einsatz von Polizeigewalt gegen die Blockaden und die juristische Repression im Nachhin ein erschwert, in dem der politischen Preis in die Höhe getrieben wird.
In den Kämpfen, die wir führen, geht es neben dem konkreten Ziel im mer auch um die Herausbildung von politischem Bewusstsein und Erfahrungen. Politisches Bewusstsein – und revolutionäres zu mal – entsteht nie allein aus der theoretischen Erkenntnis oder aus der „richtigen“ Linie. Es muss immer die praktische Erfahrung des Widerstandes, der Grenzüberschreitung und der Solidarität in der Aktion hinzukommen, da mit das Vertrauen in die eigenen Kräfte und in die MitstreiterInnen wächst.