Ein Ausdruck antagonistischer Politik
Nach den Bildern von der Großdemonstration am 2. Juni war klar, dass auch Schwarz zum bunten Protest gegen den G8-Gipfel gehört. Während es bei der Rostocker Großdemonstration kaum möglich war, auf klare Absprachen zu verweisen, war es bei den Blockaden im Vorfeld ausgemacht, dass zwei von drei Zufahrtswegen nach Heiligendamm von Block G8 und eine Strecke durch die fantasievollen Ideen von Paula, d.h. Materialblockaden und gewaltförmige Auseinandersetzungen dicht gemacht werden sollte. ak sprach mit einer Genossin über den Erfolg des Konzepts.
ak: Was wolltet ihr in Heiligendamm politisch umsetzen? Bist Du mit der Woche zufrieden?
Genossin: Uns war es wichtig, dass auf unterschiedlichste Weise der Weltöffentlichkeit verdeutlicht wird, dass es Protest und Widerstand gegen die Politik der G8-Staaten gibt, denn die G8 stehen für rücksichtslose Ausbeutung, Unterdrückung, Kriege und Mord. Es war schön mitzuerleben, wie Tausende die Grenzen der Legalität überschritten haben, um ihrem Protest dagegen Ausdruck zu verleihen. Dazu gehörte das selbstverständliche Eindringen in das verbotene Gebiet am Zaun, die Sitzblockaden, die kleineren Barrikaden aus Baumstämmen und Steinen. Aber auch die Steinwürfe auf die Polizei am Rande der Großdemonstration am Samstag. Letztere haben durch ihre Bildgewalt auch Inhalte vermittelt: Es gibt Menschen, die der G8-Politik nicht nur zivilen Ungehorsam entgegensetzen wollen. Sie vermittelten damit einen Ausdruck von antagonistischer Politik, die ich immer noch im Klassenkampf als notwendig erachte. Und die Bilder zeigen auch: Wer die Spielregeln der kapitalistisch kontrollierten Gesellschaft verletzt, wird mit massiver Gewalt, Militär, Polizei, Tränengas und in anderen Teilen der Erde mit Gewehrkugeln konfrontiert.
Wurden die Ereignisse von Samstag in Euren Zusammenhängen diskutiert? Selbstkritisch? Von Seiten der Interventionistischen Linken (IL) sollte die Demo ja anders verlaufen ...
Ich weiß nicht, wie sich die IL den Verlauf der Demo vorgestellt hat. Im Nachhinein gab es jedenfalls sehr unterschiedliche Stellungnahmen aus den Reihen der IL. Ich glaube, die IL ist ebenso heterogen wie der ihr verwandte Schwarze Block. Egal, der Demo-Verlauf war tatsächlich für viele überraschend und die Militanz nicht angekündigt. Das zeichnet auch die radikale Linke aus, nicht kreuzbrav und berechenbar zu sein. Konventionelle Latschdemos gibt es doch genug. Außerdem sorgen unterschiedliche Blöcke auf einer Demo für ein tolerables Nebeneinander der Aktionsformen. Wer hier andere Garantien abgibt, ist entweder anmaßend oder naiv. Die konkreten Aktionen vom Samstag wurden ja überall diskutiert. Natürlich finden wir es nicht sinnvoll, aus den eigenen Reihen von weit hinten Steine zu werfen, die eigene Leute treffen können. Hier fehlen tatsächlich Erfahrungen und Diskussionen, und es ist notwendig darauf zu reagieren, und auch Leute solidarisch, aber bestimmt zurechtzuweisen. Viel Diskussion gab es auch über die Beleidigungen und Distanzierungen auch aus Teilen des IL-Spektrums. Da waren viele richtig wütend. Das hatten wir nicht in der Form erwartet.
Vor all diesen Hintergründen freue ich mich um jeden, der versucht, die aufgetretene Massenmilitanz zu erklären. Aus unseren Reihen haben sich die Internationale Brigaden zu diesem Zweck zu Wort gemeldet: „Jetzt haben sich Tausende nicht mehr damit abgefunden, nur zu reagieren oder sich zu verteidigen, sondern haben selbst die Initiative übernommen und an dem Ort des G8-Gipfels, an dem sich die Macht der Herrschenden und die kapitalistische Ausbeutung manifestiert und der globale Krieg gegen die Menschheit ausgeweitet wird, mit vollem Bewusstsein angegriffen.“ Die komplette Erklärung gibt es auf der Webseite des dissent!-Netzwerks.
Vom Konzept Paula war nicht viel zu sehen. Woran lag das eurer Meinung nach?
Der Paula-Zusammenhang hat – keine Frage – wenige, aber gute Papiere geschrieben und zu Protesten mobilisiert. Sicherlich sind einige kleinere Aktionen darauf zurückzuführen. Ein Problem aber war: Paula war und blieb klandestin. Sie konnten bzw. wollten nicht öffentlich auftreten und Werbung machen, sondern mussten darauf setzen, dass sich Gruppen eigenständig organisieren und beteiligen. Das geschah so gut wie nicht. Das Konzept von Block G8 war dagegen den linken Verhältnissen angemessen und kompatibler. Ich würde mir wünschen, dass der Paula-Zusammenhang noch einmal öffentlich Stellung nimmt und über seine Schlüsse daraus berichtet.
Mal ehrlich: Kommt man nicht umhin anzuerkennen, dass Block G8 viel mehr zum politischen Erfolg der globalisierungskritischen Bewegung beigetragen hat als alle anderen Aktionsformen? Welche Schlussfolgerungen zieht ihr daraus?
Ganz ehrlich: Ein großer Teil des Schwarzen Blocks hat an der Realisierung des Blockadekonzepts mitgewirkt. Es waren gerade die militanzerfahrenen Genossinnen und Genossen, die in den vordersten Reihen der Finger-Taktik entschlossen Wege suchten. Das ist auch gut so. Ich freue mich über den Erfolg von Block G8. Ich fand das Konzept aus taktischen Erwägungen gut. Es sprach breite Kreise an, es war niederschwellig, es führte Menschen an Aktionsformen des zivilen Ungehorsams heran und war in der Umsetzung entschlossen, also militant. Aber die Organisierung, Mobilisierung und Umsetzung blieb – und das ist traurig – an Gruppen der radikalen Linken hängen. Einiges möchte ich noch kritisch anmerken, weil ich nicht zu dem Ergebnis kommen kann, Block G8 ist der Weisheit letzter Schluss und das zukunftweisende Konzept für die revolutionäre Linke.
Nachdem während der Demonstration am 2. Juni aus dem schwarzen Block Banken gesmasht und Polizisten angegriffen wurden, die Polizei sich daraufhin nicht zurückzog, sondern Personal und Wasserwerfer auffuhr und es zu Straßenschlachten gekommen war, ist vielen Menschen aus Block G8 – deutlich gesagt – der Arsch auf Grundeis gegangen. Sie hatten Angst, dass es auch bei ihren Blockaden zu Stress mit der Staatsmacht kommen kann. Aus diesem Grund sahen sie sich offensichtlich gezwungen, sich von Vermummung und Militanz abzugrenzen oder gar an die Polizei mit einem Gesprächswunsch heranzutreten, um mit ihr die Blockaden abzusprechen. Das ist peinlich und hat den Geschmack eines Befriedungskonzepts; faktische Befriedung schon deshalb, weil das Block G8-Konzept viele linksradikalen Kräfte gebunden hat. Ich möchte nicht den Schluss ziehen, dass jeder, der friedliche Konzepte verfolgt, letztendlich bei Distanzierung oder gar Denunziation landen wird. Immerhin gab es ein paar Gegenbeispiele auch innerhalb von Block G8. Ich hoffe auch, dass sie aus ihrem Erfolg nicht folgern, zukünftig nur noch vergleichbare Konzepte zu machen. Denn allein damit werden wir den Kapitalismus nicht bezwingen.
Interview: is./mb.
aus: ak 518, 22.6.2007