Irrlichter der Großstadt

»Planet of Slums« – Slave Cubela zu den sozialen Folgen des globalen Urbanisierungsprozesses

In seinem Buch »Planet der Slums« sucht der US-amerikanische Soziologe und Historiker Mike Davis einer breiteren Öffentlichkeit einen globalen Entwicklungstrend zu Bewusstsein zu bringen, der bisher allenfalls temporär oder in spezialisierten Zirkeln diskutiert worden ist, nämlich das ungeheuer schnelle Wachstum der weltweiten Stadtbevölkerung seit den frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Davis’ Darstellung ist beeindruckend und erschütternd zugleich: beeindruckend, weil er ausgehend vom umfangreichen Zahlenmaterial des UN-Reports »The Challenge of Slums« aus dem Jahr 2003 verdeutlicht, dass mit dieser Entwicklung »ein Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte« erreicht ist, da das erste Mal die Mehrzahl der Weltbevölkerung in Städten lebt; erschütternd, weil Davis an einer Unmenge von verstörenden Beispielen zeigt, dass es sich bei diesem rasanten Verstädterungsprozess um eine »Urbanisierung ohne Industrialisierung« handelt, die mit der Entstehung riesiger Slums einhergeht, in denen Menschen ohne Aussicht auf sichere Reproduktionsbedingungen in einem verzweifelten Überlebenskampf versuchen ihre nackte Existenz zu sichern.
Obgleich Davis die Ursachen und Folgen dieses gewaltigen sozialen Einschnitts diskutiert, sind diesbezügliche Ausführungen in seinem Buch dennoch (einstweilen?) kurz und vorsichtig geraten. Beispielsweise verweist er bei den Ursachen stereotyp auf die Genese des internationalen Neoliberalismus und die damit einhergehenden Strukturanpassungsprogramme in der so genannten Dritten Welt, während er wiederum bei den Folgen leider nur andeutet, dass sowohl das Wiedererstarken religiöser Sozialbewegungen mit diesem spezifischen Urbanisierungsprozess zusammenhängt wie auch eine womöglich entscheidende Veränderung der globalen sozialen Frage. Aus diesem Grund nun möchte der folgende Text an Davis’ Überlegungen kri-tisch anknüpfen und versuchen sie punktuell zu präzisieren – nicht zuletzt auch deshalb, weil hierdurch die Hoffnung besteht, Veränderungen des globalen Klassengefüges sichtbar zu machen, die die Krise der internationalen Arbeiterbewegung seit den achtziger Jahren verständlich machen (vgl. Silver 2005).

Staatsverrat?

Beginnen wir mit den Ursachen des globalen Urbanisierungsprozesses. Wie schon erwähnt, verweist Davis in diesem Zusammenhang insbesondere auf die internationale Durchsetzung des Neoliberalismus bzw. auf die verheerenden Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank, mit denen die Schuldnerländer der zweiten und dritten Welt ab den siebziger Jahren genötigt wurden, ihre staatlichen Entwicklungsprogramme zugunsten einer Privatisierungspolitik und der Selbstregulierungskräfte des Marktes aufzugeben. Denn, so Davis weiter, durch diese neoliberale Wende verloren viele Kleinbauern ihre Existenzgrundlage, so dass sie in die Städte gehen mussten, es unterblieben soziale Wohnungsbauprogramme, die diesen neuen Städtern ein würdiges Heim hätten geben können, und es kam schließlich zur Deindustrialisierung der Städte, da viele Industriearbeitsplätze (und nicht nur sie) in diesen Ländern und Städten direkt oder indirekt von staatlichen Subventionen abhingen. Doch so wenig eine Beteiligung der verschiedenen neoliberalen Akteure an dieser »Urbanisierung ohne Industrialisierung« geleugnet werden kann und soll, stellt sich doch die Frage, ob diese Akteure und ihr neoliberales Credo der ausschließliche Grund für diesen spezifischen Urba-nisierungsprozess waren, so dass man dann mit Davis von einem »Verrat des Staates« sprechen sollte. Zweifel an dieser »Verstaatlichung« der Ursachenanalyse durch Davis sind aus mehreren Gründen geboten.

Erstens: Wenn Davis darauf hinweist, dass insbesondere der europäische Kolonialismus sowie der asiatische Stalinismus dafür sorgten, dass sich die globalen Urbanisierungstendenzen bis in die sechziger Jahre nur äußerst langsam entwickelten und er damit wohl zu zeigen versucht, dass staatliche Intervention den Urbanisierungsprozess auch heute noch kontrollieren könnte, dann liegt es nahe zu fragen, ob Davis mit dieser Argumentation – ganz gegen seine Intention – nicht zugleich andeutet, dass ein politischer Zuzugsstopp in die Städte mit einem erheblichen Einschnitt in Freiheitsrechte einherzugehen hätte.

Zweitens: Wenn Davis selbst bemerkt, dass der Sozialstaat in der Dritten Welt bereits verkümmert war, ehe die Strukturanpassungsprogramme die Totenglocke für die staatliche Wohlfahrtspolitik einläuteten, dann überrascht dies keineswegs. Hatte sich dieser (Sozial-)Staat doch – wenn er überhaupt vorhanden war – im Ansatz eine fast unlösbare Aufgabe gestellt: die soziale und ökonomische »Modernisierung« der jeweiligen Gesellschaft nach dem Vorbild der ersten Welt voranzutreiben und die damit einhergehenden sozialen Folge(koste)n dieses Prozesses zu minimieren. Um nur ein Beispiel für die Schwierigkeiten zu geben, die dieses Projekt einer ›Modernisierung ohne soziale Opfer‹ nach sich zog: Einerseits war die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität für jeden dieser Staaten ein zentrales Anliegen der Ressourcenoptimierung, um z.B. Devisen zu erwirtschaften, von Lebensmittelimporten nicht völlig abhängig zu sein oder um genügend städtische Arbeitskräfte zu haben; andererseits musste genau dies eine forcierte Urbanisierung provozieren, deren soziale Gestaltung bereits erhebliche Ressourcen für den Wohnungsbau und die Stadtentwicklung unterstellte.

Drittens schließlich war der einzige Weg für die meisten Staaten der zweiten und dritten Welt, sich diese Ressourcen friedlich und vor allem schnell zu sichern, sie dort zu suchen, wo sie gerade ab den späten sechziger Jahren immer reichlicher vorhanden waren: auf dem internationalen Kapitalmarkt bzw. bei den großen Industrienationen. Damit allerdings war die Frage verbunden, ob es den betreffenden Staaten gelingen würde, dieses Kapital so geschickt einzusetzen, dass sie aus dem neu produzierten Mehrwert die anstehenden Zinszahlungen bedienen könnten. Oder würden die Kapitalgeber, wie dies bei jedem säumigen Schuldner in der bürgerlichen Gesellschaft der Fall ist, ab einem bestimmten Punkt die Bedingungen der Rückzahlung diktieren?
Heute wissen wir, dass die Mehrzahl der Staaten der zweiten und dritten Welt dieses Rennen gegen Zeit und Zins verloren hat, und wir wissen auch, mit welchen Kniffen und Tricks die Industrienationen, aber auch korrupte einheimische Eliten dafür gesorgt haben, dass eine »faire« Erfolgschance für die breite Bevölkerung dieser Staaten zu kaum einem Zeitpunkt bestand. Aber letztlich war es ein Rennen, wie es unter (Welt-)Marktbedingungen nicht unüblich ist, denn Fairness bleibt in diesem Kontext stets ein relativer und vorübergehender Wert. Und deshalb ist es auch weniger der Verrat des Staates, der die rasante und wilde Urbanisierung ab den sechziger Jahren zu verantworten hat, als vielmehr die angedeutete spezifische Weltmarktkonstellation, die dafür sorgte, dass die Mehrzahl der Länder der zweiten und dritten Welt vor dem Hintergrund einer schweren Entwicklungsaufgabe bereits nach kurzer Zeit einem schonungslosen Profitdruck der Kapitalgeber ausgesetzt wurden.

Eine historische Chance

Dass dieser Profitdruck von Seiten der Kapitalgeber bzw. von Seiten der großen Industrienationen bis zum heutigen Tag trotz der immensen sozialen Kosten insbesondere in den Städten der zweiten und dritten Welt bestehen bleibt, hatte einen weiteren Grund, den Davis leider nicht benennt, der aber dieses globale Mosaik entscheidend vervollständigt: der steigende Profitabilitätsdruck in den Industrienationen selbst.
Um diesen Druck, der sich seit den siebziger Jahren stetig vergrößert (vgl. Brenner 2003), zu meistern, bot sich dem Kapital der Industrienationen mit den Ländern der zweiten und dritten Welt eine historische Chance. Denn hier gab es sowohl für das westliche Agrobusiness wie auch für die diversen Rohstoffmultis viele noch unausgeschöpfte Investitionsmöglichkeiten; hier gab es genügend öffentliche Einrichtungen, Dienstleistungen und Unternehmen, die privatisiert einen ordentlichen Gewinn für die jeweiligen Investoren versprachen; hier gab es dank der rasanten Urbanisierung plötzlich ein schier unerschöpfliches und meist unorganisiertes Arbeitskräftepotential, das man entweder zu sich ins Land holen konnte, das man aber auch vor Ort durch teilweise oder vollständige Produktionsverlagerungen bei garantierten Niedriglöhnen anzapfen konnte; und hier war ein versteckter Ort, von dem aus man den Lohndruck auf die Arbeiterklassen der ersten Welt langsam, aber sicher erhöhte, wobei nicht nur Produktionsverlagerungen überhaupt zu erwähnen sind, sondern auch der Umstand, die Lebenshaltungskosten dieser Arbeiterklassen der ersten Welt niedrig zu halten, indem man gezielt die Produktion von Textilien, Lebens- und Genussmitteln sowie Elektrogeräten in die zweite und dritte Welt verschob.
Wundert es also angesichts dieser Gelegenheiten, dass das Kapital der Industrienationen hier immer beherzter zugriff und sich wie zuletzt im 19. Jahrhundert globalisierte? Sicher nicht. Hätte die politische Klasse der ersten Welt regulierend und mäßigend eingreifen müssen? »Moralisch« betrachtet sicherlich, aber gleichzeitig scheute sich diese bürgerliche Klasse ja nicht einmal, in ihren eigenen Ländern ab den siebziger Jahren ihre Politik den funktionalen Bedürfnissen des steigenden Profitdrucks konsequent unterzuordnen. Gab es also gar keine Alternativen zu alledem? Doch, aber sie hätten erkämpft werden müssen. Statt dass sich globaler Widerstand formierte, geriet die internationale Arbeiterbewegung und Linke jedoch spätestens ab den achtziger Jahren in eine verheerende Krise.

Die Quellen des möglichen Widerstands

Um diese Krise im Moment einer für die abhängig Beschäftigten so gefährlichen Weltmarktkonstellation zu verstehen, lohnt es sich, etwas weiter auszuholen und die Quellen des möglichen Widerstands genauer zu analysieren. Hierbei ist es mit Blick auf Davis’ Buch sinnvoll, sich von ihm ein Stück weit abzusetzen und drei Akteursgruppen zu unterscheiden: erstens die moderne Arbeiterklasse; zweitens die »anmodernisierten« Arbeiter; drittens das riesige und gerade in der Slums der dritten Welt wachsende Heer der, wie es Davis nennt, informell Beschäftigten.
Was die moderne Arbeiterklasse angeht, so wäre es falsch, ihr die Widerständigkeit oder gar die Existenz einfach abzusprechen, wie dies in vielen Publikationen auch der Linken der Fall ist, denn in allen Industrieländern, in denen sie vornehmlich beheimatet ist, hat sie gerade auch in der Wende der siebziger Jahre intensiv für ihre eigenen Interessen gefochten. Dennoch prägten und prägen viele Niederlagen diesen anhaltenden Kampf seit dieser Zeit, so dass sich die Frage nach den Gründen hierfür stellt. Ohne allzu weit ausholen zu wollen, fällt auf, dass die moderne Arbeiterklasse ihren Widerstand fast ausschließlich in den vorgegebenen Bahnen des jeweiligen nationalen politischen Systems geführt hat. D.h. sie hat zum einen ähnlich wie Davis den Verrat des Staates zum Problemgrund der Angriffe auf sie gemacht und sich deshalb darauf beschränkt, den jeweiligen Wohlfahrtsstaat zu erhalten bzw. erneuern, und sie hat sich zum anderen meist an ihre Organisationen wie an ihre gesetzlich fixierten Rechte geklammert, in der Hoffnung, dass der Spatz in der Hand bald wieder so gut sei wie Taube auf dem Dach.
Aber wenn diese seit dem frühen 19. Jahrhundert erworbenen Erfahrungsmuster, Traditionen und Organisationen die moderne Arbeiterklasse mit genügend Selbstbewusstsein ausstatteten, um zumindest bis in siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts dem Kapital ernsthaft Paroli (vgl. Silver 2005, Cohen 2006) zu bieten, dann sind die vielen Niederlagen ab dieser Zeit ein Indiz dafür, dass die moderne Arbeiterklasse mit diesem Verharren auf bekannten (aber keineswegs erkannten) Bahnen blind sein musste für das, was in den Städten der zweiten und dritten Welt zu entstehen begann. Oder anders: während die Wellen des Weltmarkts in Wallung kamen, indem das Kapital der ersten Welt begann, die Anlagechancen und die vielfältigen Möglichkeiten des urbanen Arbeitskräftepotentials in der zweiten und dritten Welt zu nutzen, gelang es der modernen Arbeiterklasse lange Zeit nicht, die Herkunft des anschwellenden Meeresrauschens zu verorten. Und heute, wo diese Wellen bereits den Sand der einstigen Wohlfahrtsinseln in weiten Teilen fortgeschwemmt haben, sorgt die Angst vor den jetzt nahen Fluten dafür, dass Impulse für einen globalen linken Widerstand von Seiten der modernen Arbeiterklasse schwach bleiben.
Im Gegensatz zur modernen Arbeiterklasse lässt sich über die beiden anderen Akteursgruppen in Anlehnung an Eric Hobsbawms Studien zu »archaischen Sozialbewegungen« feststellen, dass sie sich von der modernen Arbeiterklasse zunächst darin unterscheiden, »dass sie nicht in die kapitalistische Welt hineingeboren wurden wie etwa ein Werftarbeiter am Tyne, der vier Generationen Gewerkschaftsarbeit im Rücken hat. Sie treten gleich ›Einwanderern der ersten Generation‹ in diese Welt, oder weit katastrophaler, diese kommt von außen zu ihnen, entweder heimtückisch durch die Macht für sie unbegreiflicher und unkontrollierbarer ökonomischer Kräfte oder auch rücksichtslos und abrupt durch Eroberung, Revolutionen und einschneidende Rechtsveränderungen, deren Folgen sie auch dann kaum verstehen, wenn sie selbst geholfen haben, sie herbei zu führen. Sie wachsen noch nicht in oder mit der modernen Gesellschaft auf, sie werden in sie hineingezwungen (...) Ihr Problem ist, sich dem Leben der modernen Gesellschaft anzupassen (...).« (Hobsbawm 1979, S.15)
Der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen selber ist nun: Die anmodernisierten Arbeiter nehmen diesen Anpassungsprozess an die moderne, und das heißt auch immer urbane Gesellschaft halbwegs geschützt vor, d.h. sie verfügen über vergleichsweise erträgliche Wohnbedingungen, ein vertraglich fixiertes Arbeitsverhältnis sorgt für ein kalkulierbares Einkommen und damit auch für ein halbwegs geregeltes Leben, die gemeinsame Lohnarbeit mit anderen führt zur Entwicklung von sozialer Solidarität, sie sammeln erste Arbeitskampferfahrungen und rekurrieren auf bestehende Interessenorganisationen oder bilden neue, schließlich sind Arbeitnehmerrechte vorhanden, um die die anmodernisierten Arbeiter kämpfen können, oder es gelingt ihnen, ebensolche zu erringen.
Demgegenüber stehen die informell Beschäftigten – »die am schnellsten wachsende soziale Klasse der Welt« (Davis) – wesentlich ungeschützter da. Ihre Wohnverhältnisse spotten, wie Davis beschreibt, jeder Menschenwürde, ein kalkulierbares Einkommen ist ein Traum, und um zu überleben, kann es nötig sein, sich oder andere zu prostituieren, kleine oder größere Verbrechen zu begehen. Soziale Solidarität entsteht nur mühsam und spontan, weil die Intensität des alltäglichen Überlebenskampfs dafür sorgt, dass die formell Beschäftigten sie eher als Konkurrenten denn als Schicksalsgenossen wahrnehmen. Rechte oder Rechtsgleichheit schließlich sind Fremdwörter, denn für viele Offizielle nicht nur in der zweiten oder dritten Welt stellen die informell Beschäftigten lediglich menschlichen Abschaum dar.
Wenn es der gedanklichen Orientierung halber sinnvoll ist, die unterschiedlichen Bedingungen des Anpassungsprozesses an die moderne Gesellschaft von anmodernisierten Arbeitern und informell Beschäftigten hier zu überzeichnen, so sollte man daraus keine vorschnellen Schlüsse für ihren jeweiligen Beitrag zum sozialen Widerstand seit den siebziger Jahren ziehen – stellt sich die soziale Realität dieser beiden Akteursgruppen doch ungleich vielschichtiger und fließender dar und mangelt es doch gerade an vergleichender Forschung zur Widerstandspraxis dieser beiden Gruppen. Deshalb müssen hier auch nur einige Schlaglichter genügen.

Erstens: Obgleich die anmodernisierten Arbeiter in ihrem Anpassungsprozess an die moderne Gesellschaft besser geschützt sind als die informell Beschäftigten, hat dieser bestehende oder erkämpfte Schutz zugleich zur Folge, dass sie mehr zu verlieren haben als die informell Beschäftigten. Dementsprechend ist die Rolle dieser Akteursgruppe im sozialen Widerstand von Anbeginn an ambivalent. In der zweiten und dritten Welt bilden sie Koalitionen mit den informell Beschäftigten, aber nicht notwendig.
In den großen Industrieländern wiederum haben die anmodernisierten Arbeiter z.B. als »Gastarbeitergeneration« an den Kämpfen der modernen Arbeiterklasse der ersten Welt partizipiert und gerade in den siebziger Jahren punktuell eigene radikale Akzente setzen können, so dass sie sogar als »andere Arbeiterbewegung« firmieren durften. Jedoch sorgten sie in der ersten Welt, mitverschuldet durch die Ignoranz der modernen Arbeiterklasse und ihrer Organisationen, zugleich für eine strategische Schwächung des Widerstandspotentials, da viele der anmodernisierten Arbeiter ihre Zukunft doch in ihrem Herkunftsland sahen.
Und blieben sie dann doch länger oder für immer in ihrer neuen Heimat, so sorgten Arbeitsplatzverluste in der ersten Welt, schlechtere Bildungschancen etc. dafür, dass der Adaptionsprozess an die moderne Gesellschaft und damit auch der Integrationsprozess in die moderne Arbeiterklasse häufig genug in der zweiten oder dritten Generation abbrach und wichtige Überzeugungen, Erfahrungsmuster und Verhaltensweisen der modernen Arbeiterklasse nicht übernommen wurden – ein Generationenbruch übrigens, der nicht nur die internationalen Migranten in der ersten Welt kennzeichnet, sondern auch die innernationalen Migranten der zweiten Welt, die mit der Industrialisierung in den fünfziger und sechziger Jahren in die Städte gingen und die mit dem Ende des Realsozialismus plötzlich genötigt waren, ihre deindustrialisierte Existenz durch Subsistenzwirtschaft, Kleinhandel oder Schattenwirtschaft zu sichern.

Zweitens: »Die Slums in Afrika, Lateinamerika und Südasien haben sich vom IWF nicht einlullen lassen, im Gegenteil, sie explodierten. In ihrer bahnbrechenden Studie über den Widerstand von Basisgruppen gegen die Strukturanpassung registrierten John Walton und David Seddon von 1976 bis 1992 146 ›IWF-Aufstände‹ in 39 Schuldnernationen.« (Davis 2007, S. 169) Mit anderen Worten: Passend zu ihrer noch frischen ländlichen Herkunft sowie den besonders schwierigen und wechselnden Bedingungen ihres sozialen Alltags formierten sich die informell Beschäftigten ab den siebziger Jahren immer wieder zu spontanen und häufig gewalttätigen Aufständen, die Davis als Wiederbelebung der klassischen Protestform der städtischen Armen, nämlich als Renaissance des Hungeraufstandes klassifiziert. Aber auch wenn dieses Phänomen nicht per se wirkungslos ist und diese Form des sozialen Widerstands in Los Angeles 1992 und Paris 2006 punktuell sogar in die erste Welt überschwappte, so scheint der spontan-gewalttätige Aufstand letztlich zu labil und zu theoriefern, als dass durch ihn ein globaler sozialer Schulterschluss möglich oder in naher Zukunft zu erwarten wäre.

Drittens schließlich mag es zwar provozierend klingen, doch der einzig nachhaltigere und internationale Bei-trag der beiden letztdiskutierten Akteursgruppen gegen die für sie bedrohliche Weltmarktkonstellation liegt in der Wiederbelebung der Religion als sozialem Widerstandspotential. Dass diese Wiederbelebung keine dauerhafte Alternative für die Zukunft dieses Widerstands darstellt, bedarf hoffentlich keiner weiteren Ausführung, für eine eingehende Debatte dieses Phänomens sind aber zwei Hinweise vielleicht von Interesse. Vorneweg: die massenhafte Symbiose traditioneller Kategorien und Denkmuster mit Elementen moderner Alltagskultur kann und darf nicht überraschen, handelt es sich doch, wie oben bereits ausgeführt, bei den Trägern dieser Symbiose um soziale Akteure, die geprägt sind von ihrer vorurbanen ländlichen Herkunft, deren Verbindung zum kulturellen und politischen Leben der modernen Stadt gebrochen oder fragil ist. Außerdem ist religiöser Chiliasmus als Bezugspunkt sozialer Bewegungen keineswegs ein neues Phänomen, sondern hat beispielsweise im Methodismus eine nicht unerhebliche Rolle bei der Entstehung der modernen englischen Arbeiterklasse gespielt. Edward P. Thompson nannte ihn in diesem Zusammenhang einen »Chiliasmus der Verzweiflung« und fügte hinzu, dass in gewisser Weise »jede Religion, die großes Gewicht auf ein Leben nach dem Tode legt, ein Chiliasmus der Besiegten und Hoffnungslosen« sei (Thompson 1987, Bd.1, S. 411). Kann die Entstehung und Dynamik des Islamismus überraschen, wenn das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und des Besiegtseins etwa in den riesigen Slums von Gaza, Bagdad, Kairo, Karatschi oder Teheran Alltag ist?

Politik der Eindämmung

Die Tatsache, dass sich ein anhaltender internationaler Widerstand gegen die Weltmarktexpansion und den sich damit ausbildenden »Planet der Slums« bis zum heutigen Tag nicht formiert, bedeutet allerdings nicht, dass das globale Bürgertum die Hände einfach in den Schoß legen kann. Aus dessen Perspektive gilt es vielmehr, die brodelnden Städte zu verwalten, um den plötzlichen Aufständen zuvorzukommen oder sie zumindest in einem bestimmten Rahmen zu halten. Es gilt, weiterhin Anlagemöglichkeiten für das internationale Kapital zu schaffen, haben sich doch dessen Überakkumulation und damit der Profitabilitätsdruck seit den siebziger Jahren immer nur kurzzeitig entspannt. Es gilt zu guter Letzt, die knapper werdenden globalen Rohstoffressourcen sowohl gegen den potentiellen Druck der jeweiligen Bewohner, die einen »ursprünglichen« Anspruch auf diese Ressourcen erheben könnten, als auch gegen die Konkurrenz der anderen Industrie- und Schwellenländer zu sichern.
Die Antwort auf diese Herausforderungen der Gegenwart besteht, wie vor allem die USA demonstrieren, in einer Politik der Eindämmung. D.h. einerseits beginnt man bestimmte Stadtteile, aber auch ganze Regionen de facto abzuschreiben und belässt sie hinter einem Damm sich selbst. Damit dieser Damm gut gesichert ist und man sich den schnellen, punktuellen Eingriff jenseits des Dammes vorbehalten kann, gilt es, die eigenen Sicherheitskräfte auf den Kampf in den »failed cities« vorzubereiten sowie eine Stärkung der Exekutive innerhalb des politischen Systems zu forcieren. (vgl. Rötzer 2006, Becker 2007) Andererseits nutzt man die mit dieser Abschreibung fast immer einhergehende Ausbreitung von Gewalt, Kriminalität und Verfall ›hinter dem Damm‹ und ihr stets mögliches Überschwappen, um in der breiteren Öffentlichkeit vermittels eines allgegenwärtigen sicherheitspolitischen Diskurses einen weiteren, diesmal ideologischen Damm zu errichten. Demokratie, Marktwirtschaft, Menschenrechte auf der einen, Terror, Extremismus, Kriminalität auf der anderen Seite – zwischen diesen beiden Gebieten verläuft er, und mit ihm verliert der öffentliche Diskurs nach und nach alle Zwischentöne. Das führt dazu, dass z.B. soziale Differenzierungen und Klassen ins Vergessen geraten, tiefer liegende ökonomische Interessen ausgeblendet werden, notwendige Widersprüche und Ambivalenzen, die mit jedem sozialen Konflikt einhergehen, unverstanden bleiben, soziale Akteure, die sich zu weit hervorwagen – unabhängig von ihrem Anliegen –, nicht mehr gehört werden, sondern vielmehr unter massiven Druck geraten.
All dies sorgt dann zwar im Ergebnis auch dafür, dass das Kapital der Industrieländer seine internationale Politik vergleichsweise alternativlos erscheinen lassen und ihr zudem noch einen edlen Anstrich geben kann; es etabliert zudem eine Art internationalen SOS-Code, insofern bedrohte oder überforderte Eliten aus Ländern der zweiten und dritten Welt nur Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechte fordern müssen, um in den Genuss des sicherheitspolitischen Wohlwollens vor allem der USA zu kommen. Doch zugleich verliert das Kapital der Industrieländer durch diese Politik der Eindämmung und die mit ihr einhergehende Schablonenhaftigkeit des Denkens den Kontakt zur sozialen Realität auf der anderen Seite des Damms. Es kann dann noch, wie die USA im Irak, die Truppenzahl erhöhen oder um Geduld bitten. Aber: »Wenn eine Reservearmee, die darauf wartet, in den Arbeitsprozess integriert zu werden, auf Dauer als eine überflüssige Masse stigmatisiert wird, als eine untragbare Belastung, die weder jetzt noch in Zukunft wirtschaftlich und gesellschaftlich integriert werden kann, ist der kritische Punkt erreicht, ab dem es keine Umkehr mehr gibt. Diese Metamorphose macht in meinen Augen die Krise des Weltkapitalismus aus.« (Jan Breman, zit. nach Davis 2007, S.208)

Synthese

Die entscheidende soziale Frage der nächsten Jahrzehnte formuliert Davis wie folgt: »Wenn der informelle Urbanismus in einer Sackgasse endet, werden die Armen dann nicht revoltieren? Sind – wie Disraeli 1871 beunruhigt fragte und Kennedy 1961 befürchtete – die großen Slums Vulkane, die darauf warten, auszubrechen? Oder führt der erbarmungslose Kampf ums Überleben, die Tatsache, dass immer mehr arme Menschen um dieselben Brosamen der informellen Ökonomie konkurrieren, zu selbstzerstörerischer Gewalt in den Communities? Wird dies die höchste Stufe ›urbaner Involution‹ sein? In welchem Maße wird, marxistisch gesprochen, einem informellen Proletariat das Glück und die Macht zufallen, ›Träger der Geschichte‹ zu sein?« (Davis 2007, S. 210)
Folgt man den vorangegangenen Ausführungen, dann lautet die Antwort: Eine Revolution der Slums ist nur als Teil einer globalen sozialen Umwälzung denkbar, in der die Widerstandsstrategien und -potentiale der modernen Arbeiterklasse, der anmodernisierten Arbeiter und der informell Beschäftigten zueinander finden. Denn wenn in diesem Text letztlich die These vertreten wurde, dass die Strategien und Potentiale dieser drei Klassen jeweils für sich der Weltmarktdynamik und den strategischen Fähigkeiten des globalen Bürgertums hinterhinken, dann kann der Schlüssel, um diesem Dilemma zu entgehen, nur in der kämpferischen Synthese dieser Widerstandsstrategien und -potentiale liegen.
Was heißt dies für die metropolitane Linke? So schwer es auch fallen mag, ist es doch wichtig, eine analytische Position jenseits der ideologischen Dämme des Bürgertums zu behaupten. D.h. auch wenn es problematisch scheint, den religiösen Chiliasmus der Verzweiflung angesichts seiner Gewalttätigkeit und Intoleranz nicht zu verurteilen, gilt es, sowohl dessen materielle Gründe als auch die Rolle der Hinterhofpolitik der westlichen Demokratien bei seiner Entstehung und politischen Funktionalisierung zu benennen, um die entscheidenden Bedingungen für die Überwindung dieses Chiliasmus nicht aus den Augen zu verlieren. Und statt die Massen der Slums oder die diversen Migrantengruppen einseitig als neue Subjekte der Veränderung der modernen Arbeiterklasse gegenüberzustellen, wäre es wichtig, dieses inzwischen langweilige und meist eitle Subjektsuchspiel der Linken aufzugeben und stattdessen Möglichkeiten des Brückenschlags zwischen den drei Verliererklassen der Globalisierung voranzutreiben. Ansatzpunkte wie die gewerkschaftliche Bildungsarbeit, transnationale Gewerkschaftsnetzwerke, die Treffpunkte und Kulturorganisationen verschiedener Migrantengruppen, nationale oder internationale Sozialforen, Workers’ Center, Nichtregierungsorganisationen etc. sind durchaus vorhanden. Sollte es unmöglich sein, hieraus eine neue Internationale der Deklassierten zu bilden und der Internationale des Bürgertums entgegenzustellen?

Literatur:
Mathias Becker: »Warnung vor Megastädten und gescheiterten Staaten«, www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26533/1.html (28.6.2008).
Robert Brenner: »Boom & Bubble. Die USA in der Weltwirtschaft«, Hamburg 2003.
Sheila Cohen: »Ramparts of Resistance. Why workers lost their power and how to get it back«, London/Ann Arbor 2006.
Mike Davis: »Planet der Slums«, Hamburg/Berlin 2007.
Eric J. Hobsbawm: »Sozialrebellen. Archaische Sozialbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert«, Giessen 1979.
Florian Rötzer: »Pockets of Darkness«, www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23616/1.html (28.6.2008)
Beverly Silver: »Forces of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870«, Hamburg/Berlin 2005.
Edward P. Thompson: »Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse«, 2 Bde., Frankfurt am Main 1987.

erschienen im express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 6-7/08
http://www.labournet.de/express/index.html