Kapitalismus, Krise, Krieg
Wie ist der Zusammenhang von Krieg und Krise zu denken? Karl Heinz Roth hat jüngst ein umfangreiches Exposé vorgelegt, in dem er die Krisenzyklen des 19. bis 21. Jahrhunderts analysiert, den Ursachen der globalen Krise nachgeht und Vorschläge für »angemessene Antworten auf historische Umbuchsituationen« formuliert. Der gesamte Text mit dem Titel »Globale Krise – Globale Proletarisierung – Gegenperspektiven « ist zu finden unter: http://www.wildcat-www.de
Kapitalismus, Krise, Krieg
Anmerkungen und Überlegungen von Karl Heinz Roth
Wir bewegen uns in eine weltgeschichtliche Situation hinein, in der alle Weichen des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens neu gestellt werden. Alle wichtigen Fakten und Indikatoren weisen darauf hin, dass eine Weltwirtschaftskrise begonnen hat, die das Ausmaß der Krise von 1973 und der Zwischenkrisen von 1982 und 1987 überschreitet und sich an die Dimensionen der Weltwirtschaftskrise und der anschließenden Depression von 1929 bis 1940 annähert. Was aber sind die wesentlichen Ursachen für den Schwelbrand, der vor zwei Jahren von einigen Dachstühlen des weltwirtschaftlichen Gebäudekomplexes ausging und inzwischen alle Sektoren und Territorien des globalen Wirtschaftskreislaufs erfasst hat?
Überakkumulation, Unterkonsumtion und die Politik des billigen Geldes
Schon ein oberflächlicher Blick auf die wesentlichen Schnittstellen dieses Prozesses macht klar, dass sie sich auf drei wesentliche Charakteristika zurückführen lassen. Es handelt sich erstens um eine Krise der weltweiten Überakkumulation des Kapitals in allen seinen Erscheinungsformen und Metamorphosen: Der Industriesektor ist durchschnittlich zu 25 Prozent (in der Autoindustrie noch wesentlich stärker), die globale Transportkette ist zu 30 bis 35 Prozent und der Banken- und Finanzsektor zu mindestens 50 Prozent überakkumuliert.
Diese Überakkumulation geht zweitens mit einer massiven globalen Unterkonsumtion einher, weil das Kapital im vergangenen Zyklus die Masseneinkommen in den Zentren massiv senkte, in den Schwellenländern die überproportionalen Wachstumsraten auf der Basis von Niedrigstlöhnen erwirtschaftete und die Massenarmut des Südens (Slum Cities, Schattenwirtschaft) im Zustand des drohenden Hunger-Genozids belassen wurde.
Zwar gelang es den Unterklassen der entwickelten Weltregionen ihre Einkommensverluste teilweise durch diverse Techniken der Schuldenaufnahme zu kompensieren, aber ihre untersten Segmente blieben davon ausgeschlossen, und im Vergleich mit den gewaltigen Steigerungen der Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit verbreiterte sich die Schere zwischen Produktivkraftentwicklung und Arbeitseinkommen massiv zum Nachteil der Klasse der Arbeiterinnen und Arbeiter.
Dennoch wurde dadurch drittens in den entwickelten Zentren des Weltsystems das Wechselspiel von Überkapazitäten und Unterkonsumtion zeitweilig durch die Finanzpolitik des billigen Gelds und der billigen Kredite kompensiert. Während sich die Niedriglohnsektoren ausdehnten und die Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse zunehmend bis in die Mittelschichten vordrang, verschuldeten sich zig Millionen Menschen weltweit in einem Gesamtvolumen von mindestens zwölf Billionen US-Dollar (Hauskredite ohne Eigenmittel, Kreditkartenschulden, Kauf- und Leasingschulden, Studentendarlehen usw.).
Dieser Mechanismus funktionierte so lange, weil die in die Unterklassen gepumpten Kreditschulden weltweit diversifiziert wurden. Aber er stieß im Verlauf des Jahrs 2006 an seine äußere Grenze und riss das gesamte Finanzsystem umso abrupter in die Tiefe. Er verstärkte dadurch die seit Längerem bestehenden strukturellen Verwerfungen und Überkapazitäten in wirtschaftlichen Schlüsselbranchen und löste zusammen mit den Preisstürzen der Rohwaren, im Zirkulationssektor und auf den Aktienmärkten sowie der um sich greifenden Kreditrestriktion die neue Weltwirtschaftskrise aus. Die Folge war ein weltweiter Investitionsstreik der Kapitalvermögensbesitzer, der inzwischen auf alle wesentlichen Kapitalsphären übergreift, weil in ihnen innerhalb weniger Monate nacheinander die Zins- und Profitraten abgestürzt sind.
Keine Gesetzmäßigkeit sondern Aufforderung zum Handeln
Für ein vertiefendes Verständnis des aktuellen Krisenprozesses ist ein Blick zurück unverzichtbar. Die Weltwirtschaftskrise von 1929-1932 und die Depression von 1933-1940 geben noch viele Rätsel auf. Als gesichert kann heute gelten, dass sie ihre Massivität vor allem dem merkwürdig verlaufenen Wachstumszyklus seit 1896 verdankte: Kurz vor einem sich abzeichnenden globalen Abschwung wurde der Erste Weltkrieg entfesselt. Der Zyklus wurde deshalb durch eine globale Kriegskonjunktur verlängert und mündete nach der Niederschlagung der internationalen Arbeiterrevolution von 1916-1921 und der Überwindung einer massiven Hyperinflationsperiode in die »goldenen« 1920er Jahre, die dem »verrückten« ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts frappierend ähneln: Sie waren durch exzessive Aktien- und Kreditspekulationen, niedrig gehaltene Masseneinkommen und die Überakkumulation der industrialisierten Segmente der Landwirtschaft und der durchrationalisierten industriellen Kapitalsektoren geprägt.
Die Krise begann als internationale Agrarkrise, griff auf die US-Aktienmärkte über und führte ab 1930 zum Zusammenbruch des Welthandels. Alle Versuche zur Überwindung der anschließenden Depression scheiterten, auch der New Deal in den USA. Es kam zu einem internationalen Wirtschaftskrieg, der durch die Hochrüstungs- und Expansionspolitik der Zentren der faschistischen Achse – Deutschland, Italien und Japan – radikalisiert wurde. Die große Krise wurde erst durch das seit 1938 in Europa beginnende und ab 1940 auch die USA erfassende internationale Wettrüsten und die Rüstungswirtschaften des Zweiten Weltkriegs überwunden.
Dieser katastrophale Ausgang der Krise war keineswegs »gesetzmäßig« vorgezeichnet. Deshalb sollte er uns in der Auseinandersetzung mit der sich jetzt ausbreitenden Weltkrise klar machen, dass unsere Aufgabe darin besteht, Wege zur Krisenüberwindung vorzuschlagen und mit durchzusetzen, die den Weg in einen neuen Weltwirtschaftskrieg verbauen und zugleich als Hebel zur sozialistischen Transformation des Weltsystems genutzt werden können.
Heraufziehende Klassenkonflikte
Aufgrund der aktuellen Krise ist ein weiterer globaler Proletarisierungsschub zu erwarten. Erneut werden Millionen von Menschen sozial abstürzen. Wie werden sie reagieren? Die proletarischen Familien, die sie umgebenden sozialen Gruppen und die vielschichtigen Segmente des proletarischen Multiversums haben unterschiedliche Optionen, sobald sie nichts mehr zu verlieren haben: Sie können revoltieren, um sich ihr Existenzrecht zu sichern und eine egalitäre Gesellschaft zu erkämpfen; sie können aber auch den Prozess der individuellen, familiären und sozialen Selbstzerstörung beschreiten, indem sie etwa die patriarchale Gewalttätigkeit restaurieren oder ethnische Konflikte aufladen, um ihr Überleben auf Kosten anderer proletarischer Gruppen zu sichern. Sie können drittens auch den Weg der politischen Regression wählen, indem sie ihre Ängste und Frustrationen auf neue Führer- Figuren und Exekutiv-Despotien projizieren, die ihr gesellschaftliches Potenzial zugunsten der Interessensicherung der nicht-proletarischen Klassen missbrauchen. Es wäre aber auch möglich, dass sie sich mit staatsinterventionistischen Reformprojekten der Krisenüberwindung zufriedengeben, die sich auf das nach wie vor enorme Erneuerungspotenzial der kapitalistischen Gesellschaftsformation stützen.
Wie könnten die egalitären Homogenisierungs- und Emanzipationstendenzen unter den Bedingungen der Weltwirtschaftskrise gestärkt werden? Wir sollten uns zunächst nicht denjenigen anschließen, die aus linksradikaler Perspektive auf die Beschleunigung und Vertiefung der Krisendynamik setzen, weil sie sich dadurch einen revolutionären Kollektivierungsprozess aller derjenigen erwarten, die nichts mehr zu verlieren haben. Die konzeptionelle Automatik von Krise und Revolution ist spätestens seit dem Ausgang der Großen Depression des vergangenen Jahrhunderts widerlegt.
Darüber hinaus haben wir spätestens aus der Analyse der Dekolonisierungsprozesse die Erkenntnis gewonnen, dass die Waffen der Kritik nach ihrer Transformation in die Kritik der Waffen aus einer selbstbestimmten Position der Avantgarde heraus nicht zwangsläufig die ersehnte Befreiung hervorbringen.
Damit die Krise weder in eine Reformperspektive zur »Erneuerung des Kapitalismus« noch in die drei möglichen Varianten der Barbarei führt – innere Selbstzerstörung, Bürgerkrieg und kapitalistischer Weltwirtschaftskrieg als Vorstufe neuer Großkriege –, sollte die Perspektive der proletarischen Selbstemanzipation auf zwei Handlungsebenen verteilt werden, damit diese ineinandergreifend wirksam werden: erstens in einen Handlungsrahmen zur radikalen Zuspitzung der anlaufenden antizyklischen Reformprogramme und zweitens davon ausgehend in eine Programmatik zur Initiierung eines Projekts der revolutionären Transformation der kapitalistischen Gesellschaftsformation.
[MAKE NATO HISTORY. Nr. 1 Mobilisierungszeitung der Interventionistischen Linken (iL) gegen die NATO-Feier 2009]







