Leben im Gemeinsamen in Rostock

Yannis Almpanis, Network for Political and Social Rights

Als wir im letzten Juni nach Athen zurückfuhren, war unser Gefühl, dass die Zeit, die wir in Rostock während der Proteste gegen den G8-Gipfel verbracht hatten, eine der besten Wochen unseres Lebens gewesen war. Auch heute, neun Monate später, hat sich dieses Gefühl noch nicht geändert. Wir haben an der Bewegung der No-Globals seit ihren frühen Anfängen teilgenommen und hatten bereits bedeutende Erfahrungen in den Euromärschen, aus Prag, Genua, Porto Alegre, Florenz und Athen. Es war also nicht unser erstes Experiment innerhalb der No-Globals. Nichtsdestotrotz, wir haben jeden Moment in Rostock genossen, als ob es unser erstes Mal gewesen wäre. Wie aber lässt sich so ein positiver Eindruck von Rostock erklären?
Zunächst, weil die Mobilisierung von Rostock ein großartiger riesiger Erfolg war. Niemand aus dem Ausland hatte vor dem Juni geglaubt, dass die Bewegung in Deutschland zu so einer herausragenden Leistung fähig sein könnte. Wie konnte in so einer konservativen Gesellschaft eine so große Mobilisierung gelingen? Wie konnte die zersplitterte Bewegung ein derart anspruchsvolles Projekt organisieren? Und wie konnte dieser Archipel kleiner radikaler Gruppen eine subversive Perspektive in Hinblick einer Massenbewegung eröffnen? Aber die besten Überraschungen treten gewöhnlich dann ein, wenn wir sie wirklich brauchen.
So stellte sich heraus, dass unsere bisherigen Ansichten falsch waren. Die Gesellschaft ist gar nicht so konservativ, auch wenn ihre radikale Opposition nach neuen Ausdrucksformen sucht. Die Bewegung ist gar nicht so zersplittert, auch wenn ihre Gemeinsamkeiten nach neuen Allianzen verlangen. Und der radikale Archipel schuf etwas Großes. „Mit wem gehst du demonstrieren? Mit der IL.“ Die IL (Interventionistische Linke) ist etwas, dass jeder kennt, etwas, dass wirklich zählt.
Zusätzlich wollen wir unterstreichen, dass für tausende DemonstrantInnen Block G8 ein wirkliches Abenteuer war. Und subversive Politik sollte immer ein Abenteuer sein! Für tausende war es ihre erste „illegale“ Aktion. Der Grad der Gewalt ist dabei nicht so wichtig. Es ist die Wirkung in die Gesellschaft und auf die Teilnehmenden selbst, die eine Aktion subversiv macht oder nicht. Die Blockaden waren die richtige Taktik für die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt. Aber natürlich sollten wir uns immer davor hüten, aus taktischen Entscheidungen ein ideologisches System zu machen.
Schließlich müssen wir über die Camps in Rostock sprechen. Für manche Leute war das vielleicht der beste Teil. Die Deutschen hatten die brillante Idee, die Camps einige Tage vor dem Beginn der Demonstrationen zu eröffnen. Diese Entscheidung ermöglichte einen prächtigen Raum der Freiheit, Solidarität und Kommunikation. Einen Ort, um sich zu treffen, zu lernen, Erfahrungen auszutauschen und die Freude des Widerstandes miteinander zu teilen. In der Realität wurden die Camps in Rostock so zu einer Werkstatt von biopolitischer Kreativität, eine Fabrik der ontologischen Produktion. (1) Diese greifbaren Erfahrungen des Lebens im Gemeinsamen in Rostock verwandelten sich in eine neue Bedeutung von internationaler Gemeinschaft. Leben im Gemeinsamen bedeutete nicht nur, einige Tage in Solidarität und Autogestion (2) zu verbringen, sondern auch die Herstellung neuer Beziehungen auf der Grundlage von gemeinsamen Überzeugungen und Interpretationen der Welt. Für ein paar Tage wurde das Leben im Gemeinsamen zu einem vitalen Prinzip und einer Orientierung im politischen Kampf. Es geht nicht allein um den Widerstand gegen die G8, sondern ebenso um den Ausdruck der Notwendigkeit eines neuen universellen Träumens:
Einheit, Abenteuer, internationale Gemeinschaft, neue Universalität, Leben im Gemeinsamen, Traum – wir haben die ersten Elemente.
Yannis Almpanis, Network for Political and Social Rights

Anmerkungen:
1) ontologische Produktion: in der Philosophie umfasst die Ontologie die Grundstrukturen der Realität, das Seiende im Allgemeinen, bzw. wie sich das Sein zum Seienden verhält.
2) „Autogestion”, politischer Begriff aus den Kämpfen um Arbeiter-Selbstverwaltung in der spanischen Revolution, im Pariser Mai 1968 und im ehemaligen Jugoslawien, aktuell in den Fabrikbesetzungen in Argentinien und innerhalb der baskischen Kooperativenbewegung.

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